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Knigge zum Trösten
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Erschienen in: ewig - Forum für Gedenkkultur. Nr. 4 (7/2007)
"Das wird schon wieder." - "Du schaffst das schon." - "Du musst nach vorne schauen." - "Wen Gott liebt, den züchtigt er." - Diese und ähnliche Sätze bekommen Trauernde immer wieder als vermeintlichen Trost zu hören. Nur wenige Trauernde haben in ihrem Schmerz noch die Kraft, hierbei zurück zu melden, wie sehr sie diese Sätze verletzt oder in ihrer Trauer alleine lässt.
Wir lernen in unseren Schulden und Bildungseinrichtungen viel, aber nicht das Trösten. Dabei ist trösten ein zutiefst menschlicher Auftrag an jeden von uns, der schon im Alten Testament genannt ist. 6 x nennt es "Witwen und Waisen", 29 x "Witwen" und 31 x "Waisen".
Seit dem Jahre 2001 beschäftige ich mich intensiv mit Eltern, die während der Schwangerschaft ihr Kind verloren haben. Herbei erkannte ich: Trösten ist erlernbar, vor allem durch den Umgang mit Trauernden .
Viele Menschen pflegen zwar Kontakt zu Trauernden , erfahren jedoch nie, ob ihre Worte dem Trauernden hilfreich waren oder eher eine Belastung darstellte. Ohne diese Rückmeldung meinen sie, getröstet zu haben. Dies trifft nicht immer zu. Daher ist das Feedback gerade beim Trösten so wichtig.
Die meisten Trauernden erwarten keine tröstenden Worte, sondern einfach nur, dass man ihnen zuhört, dass sie verstanden werden, dass sie in ihrer Trauer angenommen werden. Alleine dies ist Trost. Besonders in der akuten Situation des Verlustes ist dies der einzige Trost, den man geben kann.
Trauer ist ein Gefühl, das sich bei Verlust einstellt. Dabei spielt es keine Rolle, was verloren wurde. Dies kann sehr unterschiedlich sein. Allen Trauernden gemeinsam ist jedoch, dass sie ein Anrecht auf diese Trauer haben, auch wenn wir diese Trauer nicht verstehen. Hierzu einige Beispiele:
Trost ist Entlastung. Trauernde erfahren jedoch häufig Belastung. Sätze, die mit "Du musst" oder "Du sollst" beginnen, sind für den Trauernden immer Belastung. Ebenso ist es mit Sätzen, die mit einem Verb (Zeitwort, Tunwort) beginnen. Sie können nur eines von 3 Möglichkeiten sein:
Es lässt sich mit einem Verb am Satzanfang keinen anderen Satz bilden. Da es bei den "Tröstungen" jedoch kaum um eine Frage oder Bitte handelt, endet der mit einem Verb beginnende Satz immer mit einer (Über-)Forderung und stellt damit dem Trauernden keine Entlastung dar, sondern eine Belastung.
Besondere Leckerbissen sind als Trost gedachte Bibelzitate, die besonders gerne von frommen Menschen verwendet werden. Häufig sind sie unpassend, doch gegen Worte der Bibel aufzubegehren kommt einer Rebellion gegen die Bibel, dem Glauben und gegen Gott gleich. Bibelzitate erheben höchsten Anspruch und können von keinem Menschen widerlegt werden. Daher haben sie auch eine so vernichtende Wirkung, wenn sie für den Trauernden nicht passen.
Die folgende Gegenüberstellung von "dummen Sprüchen" (rot
hinterlegt) und echten Tröstungen (blau hinterlegt) soll ein Gespür
vermitteln, was beim Trösten zu unterlassen ist und was statt dessen gesagt
werden kann.
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statt dessen ... sollte jenes...
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Beschreibung der Wirkung
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| Die Zeit heilt alle Wunden. | Es ist nicht der Tröster, der tröstet, sondern die Zeit. Der Tröster hält sich mit dem Trost fein raus. |
| Die Trauer wird bleiben, aber der Schmerz wird nachlassen. | Das ist die Erfahrung zahlreicher Trauernder. Ein verstorbener, geliebter Mensch wird ein Leben lang vermisst. Bis ans Lebensende trauert man ihm nach. Die Trauer bleibt, aber der Schmerz lässt nach. Dies gibt Hoffnung, dass es auch wieder bessere Zeiten geben wird. |
| Du bist noch jung. Du kannst viele Kinder kriegen. (nach dem Tod eines Kindes) |
Faktisch stimmen diese beiden Sätze meist, nicht jedoch wenn die
Frau schon über 40 Jahre alt ist oder wenn sich die Frau schwer tut,
überhaupt schwanger zu werden. |
| Es ist wohl das Schlimmste, was Eltern passieren kann, wenn sie ihr Kind zu Grabe tragen müssen. | Es bringt zum Ausdruck, dass man sich Gedanken über den Verlust eines Kindes macht, wenn man selbst so etwas nicht erlebt hat. Das Ergebnis der Überlegungen ist die Vorstellung, dass es für die Eltern sehr schlimm sein muss. Damit wird vermittelt, was man von der Trauer dieser Eltern verstanden hat. Wenn die Aussage in etwa zutrifft, fühlen sich die Trauernden damit verstanden. Man zeigte Verständnis. |
| Du musst den Verstorbenen loslassen. |
Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass man nicht mehr trauern solle. Dies ist wieder (Über-)Forderung. |
| Den Tod eines geliebten Menschen kann niemand vergessen. | Es erlaubt dem Trauernden , bis an sein Lebensende des Verstorbenen zu gedenken, ja ermutigt ihn sogar dazu. Ihm ist der Druck genommen, dass die Trauer irgendwann mal ein Ende haben muss. |
| Kopf hoch, das schaffst du schon! | Der Trauernde weiß nicht, wie er er schaffen soll. Nur den Hinweis, dass er es schafft, ist kein Trost. Auch der Verweis, "Anderen ist auch ihr Mann/Frau/Kind gestorben" ist nicht tröstlich. Der Trauernde fühlt sich mit solchen Worten in seiner Trauer alleingelassen. |
| Wie schaffst du das? | Dies bringt zum Ausdruck, dass man sich über die Situation des Trauernden Gedanken gemacht hat, und zu dem Ergebnis gekommen ist, dass es schwer sein muss. Selbst wenn man für sich selbst meint, es leichter tragen zu können, oder dass es eine Lappalie sei, so würdigt man mit diesen Worten die Leistung des Trauerns. |
| Wen Gott lieb, den züchtigt er. (Verweis auf Hebr 12,7) | Hier liegt ganz deutlich ein Gottesbild vor, das Leid als
Gottes Mittel der Züchtigung der Menschen ansieht. Dass diese Vorstellung
nicht immer haltbar ist, zeigt schon das Buch Ijob im Alten Testament, denn
auch den Gerechten trifft Leid. Dem Trauernden wird damit noch das Leid aufgedrückt, dass er irgendwelche Schuld auf sich geladen hat, die nun Gott dazu drängt, ihn durch dieses Leid zu züchtigen, d.h. zu bestrafen. Dem Trauernden wird damit ein schlechtes Gewissen gemacht. |
| Ich weiß auch nicht, warum Gott so etwas zulässt, und ich werde es wohl auch nie verstehen. | Es ist das Eingeständnis einer Kapitulation vor allen
Warum-Fragen. Wir Menschen verstehen im Leid oft Gott nicht. Wir begegnen im Leid einem Gott, der uns fremd ist. Durch dieses Nicht-verstehen solidarisiert sich der Tröster mit dem Trauernden . Er spielt sich nicht als Anwalt Gottes auf, sondern bekennt den gleichen verständnislosen Blick aus dem Leid auf Gott. |
| Gott macht keine Fehler. | Hier macht sich der Tröster zum Anwalt Gottes. Er verteidigt mit diesem Satz Gott gegen alle Angriffe. Dem Trauernden wird damit vermittelt, dass er nur den Willen Gottes erkennen müsse, dann würde er verstehen, warum ihn dieses Leid getroffen hat. Der Trauernde bekommt die Last aufgeladen, Gott verstehen zu müssen. |
| Ich begegne hier einem Gott, den ich nicht verstehe. | Wie oben solidarisiert sich auch hier der Tröster mit dem Trauernden . |
| Bete zu Gott, dass er dir Kraft gibt, dieses Leid zu tragen. | Ein guter Gedanke - Gott möge dem Trauernden Kraft schenken - wird zur Last, indem der Trauernde selbst handeln muss. Er soll beten. Diese Kraft haben oft Trauernde nicht. Oft können sie nur Stoßgebete der Klage an den Himmel richten. Der Auftrag zu beten, ist für viele Trauernde eine Forderung, für einige eine Überforderung. |
| Ich bete zu Gott, dass er dir Kraft geben möge, dieses Leid zu tragen. | Der Trauernde muss nichts tun. Er wird zum Beschenkten. Der Tröster wird Gott darum bitten, dass er ihm benötigte die Kraft gibt, um dieses Leid tragen zu können. |
Diese Liste könnte noch mit allen dummen Sätzen weitergeführt werden. Dies würde jedoch den Rahmen eines Artikels sprengen. Mit den hier aufgezeigten Beispielen soll ein Gespür dafür vermittelt werden, was beim Trösten zu meiden ist und was dafür gesagt werden soll.
Grundsätzlich gilt beim Trösten:
Klaus Schäfer, seit 1999 Klinikseelsorger in Karlsruhe, seit 2001 intensiv
mit verwaisten Eltern beschäftigt, die während der Schwangerschaft
ihr Kind verloren haben und betreibt daher die Internetseiten www.kindergrab.de
(seit 2003) und www.stillgeburt.de (seit 2005).
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