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sehen und berühren

Gebrutshilfe und Frauenheilkunde 2003 (63), 712

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Im Dezember 2002 las ich den bei Ihnen veröffentlichten Artikel "Sehen und Berühren des toten Kindes kann Mütter langwierig traumatisieren" von Dr. Inge Kelm-Kahl.

In Vorbereitung zu meinem im November 2003 erscheinenden Buches habe ich verschiedene Umfragen unter verwaisten Müttern durchgeführt. Daran haben sich 115 verwaiste Mütter beteiligt. Ein Themenbereich war hierbei das Sehen und Berühren von tot geborenen Kindern. Die Antworten dieser Frauen widersprechen eindeutig diesem o.g. Artikel, dem eine in England durchgeführten Studie zugrunde liegt.

Von den 115 verwaisten Müttern haben 67,8% ihr totes Kind geboren. (Die übrigen Frauen verloren ihr Kind in den ersten 12 SSW.) 50,4% der Frauen haben ihr tot geborenes Kind gesehen. 64,3% der verwaisten Mütter würden bei einer Wiederholung einer späten Fehl- oder Totgeburt das Kind sehen wollen. Das sind über 90% der Teilgruppe Mütter mit tot geborenen Kindern! Keine der verwaisten Mütter sprach sich dagegen aus, das Kind wieder sehen zu wollen.

Den Wunsch, ihr tot zu gebärendes Kind zu sehen, hatten 30,4% der Frauen bereits vor der Geburt, 7,1% gleich nach der Geburt, 12,2% nach Ermutigung des Personals und nur 2,6% nach Stunden.

Als Begründung gaben hierfür die verwaisten Mütter an, dass es ihr Kind ist 18,8%, dass es wunderschön war 10,1%, weil sie das Kind lieben 8,8%, um sich von dem Kind verabschieden zu können 6,3%. Weitere Begründungen sind breiter gefächert.

Berührt haben ihr Kind 43,5% der verwaisten Mütter. 60,9% der verwaisten Mütter würden es im Wiederholungsfalle berühren wollen. Das sind knapp 90% der Subgruppe Mütter mit tot geborenen Kindern! 0,9% der verwaisten Mütter würden ihr totes Kind nicht (wieder) berühren.

Ähnlich wie beim Sehen-wollen hatten 26,1% der verwaisten Mütter vor der Geburt den Wunsch, ihr tot zu gebärendes Kind berühren zu wollen. Bei 12,2% der Frauen kam dieser Wunsch gleich nach der Geburt auf, bei 7,8% nach der Ermutigung durch das Personal, bei 4,3% erst nach Stunden.

Wie beim Sehen-wollen sind auch hier ähnlich die Begründungen, warum sie ihr Kind berühren wollten: weil es ihr Kind ist 18,8%, weil sie ihr Kind lieben 10,1%, um sich zu vergewissern, ob das Kind auch wirklich tot ist 5,1%, weil es natürlich ist 5,1%. Weitere Begründungen sind breiter gefächert.

Diese Zahlen sprechen eindeutig dafür, dass verwaiste Mütter ihre toten Kinder sehen und berühren wollen und ihnen dies nicht verwehrt werden soll. Auch sollte weiterhin das Personal die verwaiste Mutter darin ermutigen und bestärken, das Kind anzusehen und zu berühren. Dies wurde z.T. in den von verwaisten Müttern gegebenen Antworten besonders empfohlen.



Bei einer nachfolgenden Umfrage wurde gezielt die Frage gestellt, ob die Frauen der englischen Studie (Lancet 2002, 360, 114-118) glauben. 1 % der verwaisten Mütter glaubten der englischen Studie, 64 % nicht, 35 % beantworteten die Frage nicht. Als Gründe, warum man der Studie nicht glaube wurden folgende Gründe angegeben:

(in %)

Ja

Nein

Glauben Sie der englischen Studie?

1,1

64,3

o.A.

34,7

Gründe gegen die Studie:


Das Kind nicht sehen und berühren ist traumatisierend.

10,2

Sehen und berühren des Kindes ist sehr wichtig.

10,2

Es hilft dabei, besser trauern zu können.

8,2

Es hilft dabei zu realisieren, dass das Kind existierte.

7,1

Es bleibt sonst die Frage, wie das Kind aussah.

6,1

Ich bin froh, es gesehen und berührt zu haben.

5,1

Ich hätte es gerne gesehen und berührt.

5,1

Es hilft beim Abschiednehmen.

5,1

Ich erinnere mich gerne an den Anblick.

5,1

Es hilft zu realisieren, dass das Kind tot ist.

4,1

o.A.

38,8

Aufgrund der mir vorliegenden Antworten weiß ich nicht, wie die Engländer zu ihrem Ergebnis gekommen sind. Englische Frauen können in so elementaren Bereichen wie dem Tod ihres Kindes gegenüber deutschen Frauen nicht derart konträr empfinden, oder doch?

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