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Abschied bei der Geburt

Psychologie heute (31) 9/2004, 54f.

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Jährlich rund 45.000 Frauen verlieren in Deutschland während der Schwangerschaft ihr Kind. In etwa 3.000 Fällen sprechen die Statistiker von einer "Totgeburt": Das leblos zur Welt gekommene Baby wiegt mindestens 500 Gramm und ist bereits sehr entwickelt. Für die Mutter ist eine Totgeburt eine äußerst schwere seelische Belastung. Doch in der Klinik erhalten die Frauen gerade von "professionellen" Helfern wie Psychologen entweder gar keine oder wenig hilfreiche Unterstützung, wie Klinikseelsorger Klaus Schäfer in einer bundesweiten Umfrage über das Internet ermittelt hat. Hier sein Bericht:

An der Internetumfrage beteiligten sich 115 verwaiste Mütter, also Frauen, die während einer späten Phase der Schwangerschaft ihr Kind verloren hatten. Wenngleich die Umfrage nicht als repräsentativ anzusehen ist, so zeigt sie doch einen gewissen Trend auf. Die Frauen wurden unter anderem aufgefordert, zu bewerten, welche Unterstützung sie in und außerhalb der Klinik beim Bewältigen ihrer Trauer gefunden hatten. Dabei wurde auch um eine Benotung der Erfahrungen mit verschiedenen Berufs- und Personengruppen wie etwa Ärzten, Psychologen, Freunden oder Verwandten gebeten. Zu vergeben waren die Noten 1 (sehr gut) bis 6 (sehr schlecht) sowie 0 (kein Kontakt).

Erschreckenderweise erwiesen sich ausgerechnet die Psychologen und Seelsorger in der Klinik im Urteil der Frauen als die in dieser Hinsicht schlechtesten Profis (siehe die Tabelle rechts). Die Hilfen durch in der Klinik tätige Psychologen wurden von 29 Prozent der Frauen mit der Note 6 beurteilt. Dem gegenüber stehen je 4 Prozent mit der Note 1 und 3 sowie je 3 Prozent mit der Note 4 und 5. Der verbleibende Teil, 58 Prozent der verwaisten Mütter, hatte überhaupt keinen Kontakt mit einem Psychologen.

Von den anderen Frauen empfanden viele die psychologische Betreuung nicht nur als wenig hilfreich, sondern sogar als belastend. 24,7 Prozent der Mütter fühlten sich von dem Klinikpsychologen in ihrer Trauer „sehr enttäuscht‘~ 16,9 Prozent sogar „sehr verletzt“ — das ist die Mehrheit der Frauen, die überhaupt Kontakt zu einer Psychologin oder einem Psychologen hatten!

Zusammen mit den Klinikseelsorgern stellen die Psychologen in der Beurteilung der betroffenen Frauen nicht nur das Schlusslicht der „Profis“ (Ärzte, Hebammen, Krankenschwestern, Gemeindepfarrer) dar, sondern aller Gruppen (Selbsthilfegruppe, Freundin, Verwandte, Nachbarn, Arbeitskollegen, Kontakte im Internet, sonstige Personen). Am besten fühlten sich die Frauen von ihrer Hebamme in ihrer Trauer unterstützt (40,3 Prozent sehr gut) ‚außerhalb der Klinik war meist eine Freundin die hilfreichste Stütze.

Was machen Psychologen beim Umgang mit den Frauen falsch? Die befragten Frauen empfanden unter anderem die folgenden Verhaltensweisen und Unterlassungen als verletzend:

Aus diesen Zitaten spricht große Unsicherheit und Hilflosigkeit im Umgang mit den betroffenen Müttern und mit der Thematik überhaupt. Ein einziger unbedachter Satz kann die gesamte Sympathie und Gefühlsnähe zerstören. Bei den in den Kliniken tätigen Psychologen kommt die Gefahr hinzu, dass sie sich in den Gesprächen fast ausschließlich darauf konzentrieren, ob die verwaiste Mutter suizidgefährdet ist.

Was ist hilfreich im Umgang mit verwaisten Eltern? Was können besonders Psychologen in der Klinik anbieten? Viele professionelle Helfer tappen in eine bestimmte Falle: Sie geben Antworten, wo es keine Antwort gibt. So stellen die Frauen häufig die Frage nach dem „Warum“. Die Medizin kann unter Umständen den biologischen Grund nennen. Die Frage der Mutter, warum es gerade sie getroffen hat, kann hingegen kein Mensch beantworten. Es wird aber als positiv erlebt, wenn der „Experte“ bei solchen Fragen schlicht zugibt, dass auch er keine Antwort hat. Statt Pseudoantworten zu geben, darf durchaus mit den Eltern um das Kind geweint werden. Hilf- und trostreich wurde von den meisten Frauen schon allein das aufmerksame Zuhören erlebt.

In einem zweiten Schritt sollten die verwaisten Eltern auf Möglichkeiten hingewiesen werden, wie sie ihre Trauerarbeit positiv angehen können. Besonders verwaiste Mütter befinden sich während des Klinikaufenthaltes in einem Chaos der Gefühle. Der Wunsch, dass alles nur ein böser Traum sein möge, ist so übermächtig, dass sie nicht an die einfachsten und menschlichsten Dinge denken.

Daher ist es wichtig, dass diese genannt werden, ehe es zu spät ist:

Psychologen können verwaisten Eltern auf zwei Ebenen helfen. Emotional sollte der Verlust des Kindes nicht heruntergespielt oder gar negiert, sondern als echter Verlust anerkannt werden. Dies sollte allem anderen Handeln vorausgehen. Auf der inhaltlichen Ebene sollten die Eltern mit den Informationen versorgt werden, nach denen sie selbst verlangen. Darüber hinaus ist darauf hingzuweisen, was den meisten Müttern und Paaren in dieser Situation hilfreich war.

Klaus Schäfer ist seit 1999 Klinikseelsorger in den St.-Vincentius-Kliniken in Karlsruhe und seither mit dem Thema Totgeburt beschäftigt. Er ist Mitinitiator des 2001 eingeweihten Kindergrabfeldes für fehlgeborene Kinder. Die Ergebnisse der Umfragen mit Müttern tot geborener Kinder hat er in einem Buch veröffentlicht: Wege unter‘m Regenbogen, Books on Demand, ISBN 3-8334-0264-4. Zum Jahreswechsel wird von ihm im Herder-Verlag ein Lebenshilfebuch erscheinen: Ein Stern, der nicht leuchten konnte — Das Buch für Eltern, deren Kind zu früh starb. Weitere Informationen und Links sind auf einem vom Verfasser betriebenen lnternetauftritt zu finden: www.kindergrab.de.

 

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