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Loslassen
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Ein schlichtes Eisenkreuz auf einer hohen Stange inmitten eines großen
Steinhaufens. Das ist auf dem Irago-Paß anzutreffen. Der Überlieferung
nach soll dieses Cruz de Hierro vom hl. Guacelmo zur Orientierung der Pilger
aufgestellt worden sein, damit diese auch im Schnee heil über den Paß
finden. Das Kreuz zur Orientierung der Santiagopilger. Das Kreuz zur Orientierung
der Menschen. Das Kreuz zur Orientierung auch für mich?
Der Steinhaufen, in dem diese kreuztragende Stange steht, überragt jeden
Menschen. Das war nicht immer so. Irgendwann hat jemand damit begonnen, dort
auf dieser Paßhöhe von 1500 m einen Stein unter das Kreuz abzulegen.
Schon die Römer legten entlang ihrer Straßen an bestimmten Stellen
Steine ab. Damit sollte Merkur, der Gott und Schützer der Wege, gnädig
gestimmt werden. Am Cruz de Ferro hat dieses Steineablegen eine andere Bedeutung
gewonnen:
Täglich tragen wir etwas mit uns. Es sind unsere alltägliche Lasten.
Es sind die Verletzungen, die uns zugefügt worden sind. Es sind aber auch
unsere eigenen Unzulänglichkeiten, unter denen wir selbst leiden. Diese
Alltagslasten, die wir mit uns tragen, verkörpern sich in diesen Steinen,
die die Jakobspilger seit Jahrhunderten zum Cruz de Ferro tragen. Dort, am Kreuz,
dort dürfen wir diese uns so drückende Lasten ablegen. Zum Kreuz dürfen
wir kommen mit alle dem, was uns beschäftigt, bedrückt und zuweilen
auch niederdrückt. Am Kreuz dürfen wir es ablegen. Dort, unter dem
Kreuz, haben unsere Lasten einen Platz gefunden, wo wir sie lassen können.
Aus diesem Grunde ist es auch ein Frevel, einen dieser Steine mitzunehmen. 1997
nahm ich ganz bewußt einen dieser Steine mit. Ich war mir meiner Un-Tat
auch vollens bewußt. Meinen Mitpilgern habe ich es an Ort und Stelle erklärt,
warum ich es tun werde. Es soll ein Stein sein, der in den Fuß des Kelches
eingearbeitet werden soll, den ich 1998 zu meiner Priesterweihe erhalten soll.
Dieser mit dem Stein vom Rabanal erschwerte Kelch soll mich bei jeder Messe
daran erinnern, daß es zahlreiche Menschen mit den unterschiedlichsten
Lasten gibt. Einige von ihnen haben diese Last in der Form eines Steines zum
Kreuz am Rabanal getragen. Einer dieser Steine soll mich stellvertretend für
die anderen an diese Lasten immer wieder erinnern. Diese Lasten will ich in
der Messe immer wieder neu zu Gott bringen. Angesichts dieser Absicht möge
man mir meinen Frevel, den ich 1997 am Rabanal begangen habe, verzeihen.
Ein Rabbi kam aus der Synagoge. Er vermisste seine beiden Söhne. Mehrfach
fragte er seine Frau,
wo die Knaben sind, doch sie gab ausweichende Antworten. Nun sagte seine Frau
zu ihm:
"Vor einiger Zeit kam ein Fremder zu mir und gab mir ein Pfand, damit ich
es aufbewahre. Es waren
zwei kostbare Perlen von grosser Schönheit. Ich hatte meine Freude an dem
Schmuck, als ob er mir
gehören würde. Heute, als du in der Synagoge warst, ist der Fremde
gekommen und hat sein Pfand
zurückverlangt. Durfte er das?"
"Welch eine Frage!", sagte der Rabbi. "Die Perlen gehören
dem Fremden und er hat ein Anrecht
darauf!" Da nahm die Frau ihren Mann an der Hand und führte ihn in
die Schlafkammer; dort hob sie
die Decke vom Bett hoch. Da lagen die beiden Söhne, still und schön
doch sie waren tot.
Der Rabbi schrie entsetzt auf und warf sich über seine Söhne. Die
Frau aber sprach: "Hast Du nicht
gesagt, das Pfand gehört dem Besitzer. Ist unser Leben nicht auch Gottes
Eigentum? Der HERR
hats gegeben, der HERR hats genommen. Der Name des HERRN sei gepriesen!"
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